Abstract am Freitag

 

Lars Mohr

 

Das eigene Leben spüren - anthropologische und sonderpädagogische Aspekt

Der Vortrag geht der Frage nach, was Menschen brauchen, um sich lebendig zu fühlen (das eigene Leben zu spüren), wie wir - mit anderen Worten - Vitalität gewinnen oder erhalten. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Situation schwerstbehinderter Menschen gelegt und als Konsequenz unterstrichen, dass Basale Stimulation als Konzept menschlicher Begegnung, nicht als Sammlung von Techniken zu verstehen ist.“

Abstracts am Samstag

Cilly Borgers

Begegnungen in anderen Welten

Die  Betreuung und Begleitung der Menschen mit Demenz ist eine anspruchsvolle  Aufgabe in der Pflege. Ein großes Problem der Arbeit mit demenzkranken Menschen und deren Verwirrtheit ist es, dass sie nur schwer zu verstehen sind, ihre Sicht- und Erlebensweise nur schwer nachzuvollziehen ist.

Wie kann ein Milieu  gestaltet werden, dass diesen Menschen gerecht wird?

Ich möchte Ihnen die Begleitung in der „Inselgruppe“ im Haus Schwansen, einem Pflegeheim in Schleswig Holstein, vorstellen. Täglich werden dort die Menschen in der letzten Phase der Demenz zusammengeführt.

 

 

Prof. Dr. Andreas Fröhlich

 

DAS EIGENE LEBEN SPÜREN

 

Dieses Zentrale Ziel aus dem Konzept der Basalen Stimulation befasst sich mit der unmittelbaren körperlichen Identität eines Menschen. Sich selber, sein eigenes Lebendig-Sein spüren bedeutet, dass dieser Mensch bei sich ist, dass er eine wichtige Variante des Selbstbewusstseins aktiviert.

 

Wir gehen davon aus, dass es nicht unbedingt notwendig ist, kognitiv wach zu sein, um ein Bewusstsein von sich selber zu haben. Auch scheinbar bewusstlose Menschen, Menschen, die nicht „bei sich“ zu sein scheinen, können das eigenen Leben spüren.

 

Im Konzept Basale Stimulation gibt es viele Möglichkeiten, auch sehr schwer eingeschränkten Menschen dabei zu helfen, sich selbst zu spüren und sich damit als Individuum wahr zu nehmen: die Körperpflege in all ihren Ausdifferenzierungen, das Bewegen, die begleitende Unterstützung der Atmung, die Positionierung...

 

In meinem Vortrag möchte ich auf die Zusammenhänge von Bewusstsein und Propriozeption (Selbstwahrnehmung) eingehen, auf die Möglichkeiten der Unterstützung und Entwicklung.

 

Freiheit von Schmerz, von Angst und von Irritation sind wichtige Begleitziele, denn das eigene Leben sollte möglichst mit Freude gespürt werden.

 

 

Thérèse Musitelli, Blandine Bruyet, Liane Huber

 

 „Lisa tout seul!“ – „Lisa kann selber!“

 

Unser Beitrag möchte anregen, über folgende Frage nachzudenken:

„Was braucht ein Kind, ein Mensch, der in Bewegung und Wahrnehmung eingeschränkt ist, um sich als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen?“

 

Eine interessante Antwort haben wir in einem Buch von Lilli Nielsen gefunden, wo sie schreibt:

 

Von der Selbst-Wahrnehmung zur Selbst-Identität. Die Wahrnehmung, die ein Kind zu irgendeiner Zeit über sich selbst hat, baut sich auf aus

  1. der Interaktion, die es mit anderen Menschen hat,
  2. dem Wissen, das es über seine Umgebung hat,
  3. den Fähigkeiten, über die es verfügt.

Wenn Selbst-Wahrnehmung sich zu einem wirklichen Selbstbild entwickeln soll, müssen kontinuierliche Interaktionen mit andern, Erfahrungen mit der Umgebung und das Erlangen von Fertigkeiten stattfinden.“

(Lilli Nielsen; DAS ICH UND DER RAUM, edition bentheim, Würzburg, 1993, Seite 13)

 

Es könnte sein, dass wir allzu oft der Meinung sind, dass die in der Basalen Stimulation üblich benutzten somatischen Angebote, die von einer „aktiven“ an eine „passive“ Person vermittelt werden, wie z.B. Ausstreichungen, genügen. Dies scheint nicht der Fall zu sein.

 

Wir sehen im Zitat von Nielsen eine Übereinstimmung mit einem Grundsatz des Konzeptes der Basalen Stimulation, nämlich dass nicht das „Tun am Menschen“, sondern der Dialog, die Interaktion im Zentrum stehen. 

 

Was wir besonders hervorheben möchten, ist die Behauptung von Nielsen, dass es nicht bloss  um Interaktion mit andern Menschen geht, sondern dass ebenfalls ganz wichtig die Interaktion mit der materiellen Umgebung ist, um sich als Person wahrzunehmen.

 

Wir denken, dass es Christel Bienstein und Andreas Fröhlich mit dem zentralen Ziel „Das eigene Leben spüren“ auch um mehr geht als bloss körpereigene Empfindungen und Impulse zu spüren.

 

Wir kommen zur Schlussfolgerung, dass die beiden zentralen Ziele „das eigene Leben spüren“ und „Die Aussenwelt erfahren“ eng miteinander verknüpft sind.

 

Anhand von zwei kurzen Videosequenzen aus dem Behindertenbereich möchten wir diese Ideen konkret verbildlichen.

 

 

Helmut Schaaf

Wer nicht fühlen kann, muss hören. Tinnitus und Tinnitus Leid.

Auch fühlen will gelernt sein und Wahrnehmung ist mehr als nur Schmerz und Krankheit. Viele lernen erst wieder ein Gefühl für sich zu bekommen, wenn eine Krankheit un-mißverständliche Zeichen setzt.

 

Im Vortrag soll über das unten weiter ausgeführte angesprochen werden:

·      Die Entwicklung des Seelischen

·      Gefahren für das seelische Gleichgewicht

·      Seelische Regulationsmöglichkeiten

·      Strukturen der Angstbewältigung

·      Wie kann ein „wahrnehmbares“ Symptom entstehen?

 

 

Dr. Michael A. Scherer

 

“Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fühlen glaubt; ...” schreibt Johann Wolfgang von Goethe in der 1833 posthum erschienenen Aphorismensammlung “Maximen und Reflexionen”. Farben üben auf den Menschen eine große Macht aus, der sich kaum jemand entziehen kann. Ebenso spielen sie in der Natur eine wichtige Rolle.

 

Farben werden eingesetzt, um bestimmte Wirkungen zu erzielen, z.B. um Käufer für ein Produkt zu werben oder um Bienen zur Bestäubung von Blumen anzulocken. Da es für das Verständnis, wie Farben wirken, hilfreich ist, werden zuerst die geschichtlichen Hintergründe und die Bedeutungsvielfalt des Themas “Farbe” im Alltag und in der Natur beleuchtet. Sodann wird näher auf das Entstehen von Farben und auf die Farbtheorie eingegangen.

 

Wie Farben wirken und in welchen Bereichen Farben zum Einsatz kommen, wird in einem dritten Teil anhand von Beispielen dargestellt.

 

Ursula Büker

 

Fühlen-Nesteln-Schlagen - intensive Körperwahrnehmungen als Ausweg aus der Isolation

 

Es gibt viele Menschen, die in ihrer Kontaktfähigkeit extrem eingeschränkt sind. Die Gründe dafür können vielfältig sein, wie etwa psychische oder körperliche Behinderungen, schwere Krankheiten, Demenz oder auch schwerste Vernachlässigungen. In ihrer verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus der Isolation ziehen sich diese Menschen häufig zurück auf ihren Körper. In vielfältiger Weise versuchen sie, sich mit sich selbst in Kontakt zu bringen. Wir beobachten z. B. Nesteln, Kratzen, Beißen, Schlagen und vieles mehr. Der Rückzug kann so ausdauernd und extrem sein, dass es oft keinen Weg zu geben scheint, diese Menschen in ihrer scheinbar selbst gewählten Isolation zu erreichen oder sie vor Verletzungen zu schützen. Im pflegerischen Alltag stellt dieses Verhalten häufig eine große Herausforderung dar und bringt uns an Grenzen.

 

Mit Hilfe neurologischer Erklärungsmodelle soll versucht werden, die Erlebniswelt des behinderten Menschen besser zu verstehen. Die Reaktionen der Umwelt auf diese Verhaltensweisen werden in Zusammenhang gebracht mit kulturellen Prägungen und persönlichen Wertsystemen.

 

Mit körpernahen Angeboten, gestaltet nach dem Konzept der Basalen Stimulation, gelingt es uns, neue Kontaktmöglichkeiten zu diesen Menschen zu finden und Beziehungsgestaltung zu ermöglichen. Anhand von Beispielen aus der Praxis sollen diese Wege aufgezeigt werden.

 

Edith Droste

Kinderhospizarbeit:

Schweres leben müssen und dennoch den Lebensmut behalten.
Lebenskünstler und ihre Begleiter

Abstract

 

In Deutschland leben 22.600 Kinder, die lebensverkürzend erkrankt sind. Jährlich sterben 500 von ihnen an den Folgen onkologischer und 1000 an den Folgen anderer –durch genetische, chromosomale oder andere Ursachen bedingte - Erkrankungen in der Kindheit oder frühen Jugend. Die Kinderhospizarbeit bietet den betroffenen Kindern und ihren Familien Begleitung ab der Diagnose, im Leben und Sterben und der zurückbleibenden Familie über den Tod hinaus.

 

Der vorauseilenden Trauer um den sukzessiven Verlust von Fähigkeiten Ausdruck zu geben, ist hierbei ein wichtiges Anliegen. Trotz all dem Schweren wollen die Kinder am Leben teilhaben wie gesunde Kinder auch. Sie wollen nicht auf ihre Krankheit und ihre behinderungsbedingten Einschränkungen und ihre Schmerzen reduziert werden. ´

 

Ausgehend von Gesprächen mit betroffenen Eltern, Begleitern und mit einem lebensverkürzend erkrankten Kind selbst geht der Beitrag den folgenden Fragen nach

 

  • Wie kann das gehen: Schweres leben und dennoch den Lebensmut behalten?
  • Wie mag es für die betroffenen Kinder sein, die fortschreitende Krankheit als Bestandteil des eigenen Lebens zu erfahren?
  • Wie leben sie – trotz ihrer Einschränkungen - die heitere Seite des Lebens?
  • Was verbinden sie selbst und ihre Begleiter mit dem Begriff Lebenskünstler?

 

Der Vortrag gibt Einblicke in das Leben von Paul, Patricia, Verena, Nathalie, Daniel und Sandra.